Kurze Einführung in das Frühjudentum

1. Zur Terminologie

Vor allem in der älteren Forschung wird zur Bezeichnung des Judentums zwischen 200 v. Chr. und 200 n. Chr. häufig der Begriff "Spätjudentum" verwendet. Diese Bezeichnung suggeriert, daß es sich hierbei um eine zu Ende gehende Epoche handle und der "Staffelstab" im Verlauf der Heilsgeschichte schließlich vom Judentum zum Christentum übergegangen sei. Ein neben der Kirche existierendes Judentum wäre dann ein Anachronismus, ein verbliebenes Relikt aus alter Zeit. Ebenfalls problematisch ist die Bezeichnung "zwischentestamentliche Zeit" (vgl. die Begriffsbildung "Mittelalter"). Demgegenüber spricht man in der neueren Forschung häufig vom "Frühjudentum". Diese Bezeichnung drückt aus, daß jene Epoche nicht nur in Bezug auf das Christentum, sondern auch in Bezug auf das Judentum eine Zeit des Neubeginns war. In der hellenistisch-römischen Zeit bildeten sich wesentliche Gesichtszüge heraus, die das Judentum bis heute prägen. Häufig findet man auch die Bezeichnungen "Judentum zur Zeit des Zweiten Tempels" (vor allem unter jüdischen Gelehrten) oder "Judentum der hellenistisch-römischen Zeit".

2. Die wichtigsten jüdischen Quellen für die Geschichte und Theologie des Frühjudentums:

  • Philo (ca. 20 v. bis 45 n. Chr.)
  • Josephus (37/38 - nach 100 n. Chr.)
  • Qumran-Schriften
  • Rabbinische Literatur: Mischna, Tosefta, Talmudim und Midraschim („Kommentare" zu alttestamentlichen Schriften). Zwar entstammt die rabbinische Lit. zu großen Teilen einer späteren Zeit, sie enthält allerdings viele alte Traditionen und ist daher auch eine wichtige Quelle für das Frühjudentum.
  • Targumim (zum Teil recht freie aramäische Übertragungen des Alten Testaments)
  • Apokryphen des Alten Testaments (zum Teil auch als "deuterokanonische Schriften" oder als "Spätschriften" des AT bezeichnet)
  • Pseudepigraphen des Alten Testaments

3. Charakteristika der Theologie des frühen Judentums

  • Vielfalt (Vorsicht vor voreiligen Systematisierungen)
  • Lebendigkeit (das frühe Judentum ist keine Verfallserscheinung)
  • Konstitutiv sind: Monotheismus, Bezug zum AT (ein Großteil der jüdischen Literatur ist „Auslegungs"-literatur), Einheit von Volk und Religion, Gesetz (allerdings nicht im Sinne einer äußerlichen Frömmigkeit bzw. Werkgerechtigkeit), Tempelkult (bis 70 n. Chr.)

4. Methodische Grundsätze

  1. Unentbehrlich für das Verständnis des frühen Judentums ist die Beschäftigung mit den primären Quellen.
  2. „Autonomie" der Texte: Man sollte dabei versuchen, dem „Selbstverständnis" der Texte gerecht zu werden (Hören auf die eigene Sprache der Autoren). Dazu gehört auch, die Texte als ganze und nicht einzelne Begriffe oder Motive losgelöst vom Kontext zu betrachten.
  3. Sympathie gegenüber den Texten: Die Geschichte der Auslegung frühjüdischer Schriften im Christentum hat gezeigt, daß eine „apologetische Lektüre" den Texten nicht gerecht wird.
letzte Änderung: 28.02.2014